Kurz zusammengefasst: Nicht allzu viel. Als jedoch klar wurde, welche Informationen und Dokumente ich zu meiner Familie hatte sowie es geschafft hatte, eine Liste mit einer Teilrekonstruktion des Ölwerks von Alois Alajos Unger zu erstellen, von der ein Gemälde vor der Ausstellung gefunden werden konnte, sprangen Zoltán Székely und sein Museum auf den fahrenden Zug auf.
Die Familie und der Maler waren vorher im Wesentlichen nur dem Namen nach bekannt, auch in der lokalhistorischen Literatur ihrer Heimatstadt. Alle Spielkartengeschichten, die Österreich-Ungarn thematisieren, erwähnen den Namen Mathias Mátyás Unger. Das Thieme-Becker Kunstlexikon – wie auch ähnliche sogar ungarische, Kunstlexika – nennen nur folgende Informationen zum Künstler:

Die allermeiste Literatur verwendet noch das falsche Geburtsdatum 1815 anstelle von 1814.
Das Győrer biographische Lexikon (Győri Életrajzi Lexikon) kannte nur folgende, kurze Einträge, ohne (korrekte) Lebensdaten und nannte nur einen Mathias Mátyás Unger:




Das Kisalföldi Művésezti Lexikon von 1998 (erste Auflage) war bis zu meinem Artikel im Győrer Museumsjahrbuch von 2012 (erschienen 2014) die ausführlichste Quelle zum Künstler Alois Alajos Unger, nannte jedoch nicht die Kartenmaler:




1998 fand eine Jubiläumsausstellung zur Rückeroberung Raabs statt, bei der Székely ein auf einem anderen Ausstellungskatalog aus seiner Heimatstatt von 1972 stark zurückgriff, s. Bild unten. Dies war die bis zu diesem Zeitpunkt ausführlichste Beschreibung eines der Werke von Alois Alajos Unger und enthielt auch nicht das korrekte Geburtsjahr sowie kein Sterbejahr.

2004 respektive 2006 veröffentlichte der Spielkartenexperte Antal Jánoska ausführlichere Artikel (letzteren zusammen mit Ferenc Horváth) über die Spielkartenhersteller in Győr, bei dem der Schwerpunkt die Spielkarten und –verpackungen der Familie Unger waren. Über die Familie, außer dass es zwei gleichnamige Unger-Kartenmaler gab, die Herstellung und den genauen Produktionsort sowie den Zusammenhang mit dem akademischen Maler Alois Alajos Unger finden wir hierzu jedoch auch kein Wort.
Welche neuen Erkenntnisse brachte ich:
1. Bis zur Ausstellung 2010
Lebensdaten der in Győr lebenden oder dort geborenen Mitglieder der Familie
Dass die Familie ursprünglich aus Sopron stammte und 1857 im Gebäude des heutigen Flóris-Rómer-Museums wohnte (im Prälatenhaus)
Richtiges Taufdatum von Alajos Unger sowie Todesort und -datum
Teilrekonstruktion des Ölwerkes des Künstlers v.a. basierend auf dem Testament seines Bruders Carl Károly und im Zusammenhang mit der Sammlung des Győrer Arztes Petz
Zuordnung der Personen auf dem Familienporträt im Besitz der Ungarischen Nationalgalerie
Alte Familienfotos mit mehreren dieser Personen
Rekonstruktion der vitae dieser Personen, auf Basis der damaligen Quellenlage
Finden von Archivquellen zum Besuch der Zeichenschule von Alois Alajos Unger, bei denen nicht nur der bekannte János Hofbauer, sondern auch Ottó Hieronymi als Lehrer erscheinen und letzterer die Leistungen Alajos Alois’nur als Mittelmäßig einstufte
Auffinden und Zusammenstellung zahlreicher bekannter Quellen zur Familie Unger, den Künstler und der Spielkartenmaler, eine Arbeit, die seit damals fortgesetzt wird
Bildprovenienzen
Finden der Quelle zum Konkurs
Rekonstruktion des historischen Spielkartenherstellungsprozesses mit meinem Mann Prof. Dr.-Ing. Jürgen Wunderlich
Genaue Besuchszeiten der Wiener Akademie für bildende Künste auf Basis von Primärquellen in deren Archiv
Herstellung eines Zusammenhangs des Győrer Zweigs der überregional bekannten Familie Toscano, v.a. dass Alois Alajos Unger bei einem Mitglied der Familie in Wien/Schaumburgergrund wohnte
Alois Alajos‘ (spät-)nazarenische Wurzeln als Maler
Dass Carl Károly in Sopron Kaplan gewesen war, dort schwer erkrankte, lebenslang unter schweren Gesundheitsproblemen litt (u.a. Taubheit), aber dann im Büro des Bischofs als Schreibkraft und Archivar arbeitete und ab den 1870er Jahren als Kurater der Johannes-Nepomuk-Kapelle zusammen mit seiner Haushälterin das kleine Haus neben ihr bewohnte, in dem er 1895 starb
1878 war ebenfalls dort der Spielkartenmaler Mathias Mátyás Unger der Jüngere gestorben
Gesamter Katalog der Ausstellung des Pester Kunstvereins von 1846 (laut der Top-Expertin für dieses Thema nicht vollständig in Ungarn erhältlich!); Székely sah den Katalog bei einem Gespräch vor der Ausstellung bei mir liegen, beäugte ihn interessiert, wollte aber nicht aktiv danach fragen; daher veröffentlichte ich den vollständigen Titel des dort ausgestellten Bildes erst 2014
Informationen aus dem Technischen Museum Wien, wie die dortigen Spielkarten der Familie Unger in deren Sammlung kamen
Auffinden des Bildes der Heiligen Familie und dessen Vermittlung für die Ausstellung (die einem Werk von Cesare da Sesto in der Petersburger Eremitage extrem ähnelte)
Dass die Ungers eine Bilderuhr hatten; letztere beiden Punkte flossen nicht in die Ausstellung ein, da Székely deutlich machte, dass es für ihn nicht in Frage käme, mit mir über die Kunst zu sprechen
Bis zum Arrabona-Artikel 2012 kamen hinzu:
Gymnasialbesuch Alois Alajos‘ bestätigt (Jahrbuch des Benediktinergymnasiums)
Wiederfinden der Bilderuhr
Provenienz des Gemäldes Taufe Vajks, das nicht signiert ist, aber im obigen Testament erwähnt; die Besitzer hatten sich nach der Ausstellung beim Museum gemeldet
Bis zum Acta Ethnographica Hungarica-Artikel:
Rekonstruktion der Adresse des Hauses in Győr (Duna kapu 7) in der sich in den 1840er/50er Jahren die Werkstatt und zeitweise die Wohnung der Ungers befand sowie Alois Alajos Unger laut Zeitungsannonce Zeichenunterricht anbot und in dem er starb
Erste Erwähnung seit den 1930er Jahren, dass sich Flóris Rómer besonders auch für das Sammeln von Spielkartendruchstöcken interessierte
Ausführliche Formulierung der Hypothese, dass Alajos Alois Unger Spielkartendesigner gewesen sein konnte (was ich vorher immer nur kurz erwähnt hatte) und Zusammenhang von seinem Ölwerk mit Spielkaten(-motiven)
Bilderuhr mit der Vedute von Venedig als konkreter Hinweis, dass er auch dorthin reiste
Layout einer ideal rekonstruierten Werkstatt und kurze Beschreibung des so ermittelten historischen Spielkartenprozesses
Arrabona 2014:
Nachweis durch Primärquelle, dass Mathias Mátyás Unger der Ältere tatsächlich das große Bürgerrecht von Győr besaß
Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA)-Kunstgeschichte-Sammlung: Dokumente des Kunsthistorikers Károly Lyka zu Alois Alajos Unger
Auffinden weiterer Werke Ungers und Zuschreibung des Porträts von Franz Ferenc Hergesezell aus der Sammlung des Rómer-Flóris-Museums, insbesondere auch aufgrund von Merkmalen identisch mit einem anderen Werk in Privatbesitz (Zoltán Székely hatte mir nie angeboten, mir die Werke unbekannter Künstler in der Sammlung des Museums anzusehen, daher nahm ich dies selbst in die Hand)
Quelle mit dem Nachweis, dass Alois Alajos Unger als Spielkartendesigner tätig war
Er gehörte mit seinem Bruder zu denen, die in Ungarn zuerst überhaupt patriotische ungarische Spielkarten designten
Werkliste der Ölwerke und erste ausführlichere Beschreibung seines Werks
Zusammenhang im Detail mit den (Spät-)Nazerenern und der Einfluss derer auf sein Werk
Weitere Beobachtungen zu Alois Alajos Unger, die auf dem Blog thematisiert wurden:
Das Fresko im sogenannten Kapitelhaus der Diözese Győr könnte aufgrund der verwendeten Farben und des Malstils von ihm oder unter seiner Mitwirkung entstanden sein, weitere Informationen bzw. Untersuchungen zu den Hintergründen von Seiten der Diözese wären wünschenswert
2017:
Anpassen der rekonstruierten Spielkartenwerkstatt an die Gegebenheiten im Haus Duna kapu tér 7 in Győr
Publikation von 2020:
Rückverfolgung des Stammbaums der Familie Unger als alte Soproner Bürgerfamilie bis in das 16. Jahrhundert
Aufzeigen ihrer verwandschaftlichen und sozialen Netzwerke, u.a. mit der o.g. Familie Toscano sowie dem Pfarrer Carl Károly Beitl
Zusammenhang zwischen Mathias Mátyás Unger und dem auch in Győr tätigen Kupferstecher Johann János Gastó, der für ihn Karten in Kupfer stach
Aufzeigen von Verbindungen zu ehemaligen Kunstsammlungen
Auswertung der MTA-Lexikonsammlung des kunsthistorischen Instituts zu Alois Alajos Unger
Zusammenstellung einiger bisheriger Ausstellungen, bei denen Werke und Druckstöcke der Ungers gezeigt wurden (work in progress)
Auswertung der Zunftakten von Wien und feststellen der Zeiträume in denen sich die beiden Kartenmaler dort aufhielten
Finden des Eintrags im Stadtratsprotokoll, dass Unger 1810 in Győr analog zu obigen Daten als Meister aufgenommen wurde
Finden einer Quelle aus dem Pesti Divatlap, die bestätigt, dass die Ungers die ersten patriotischen Spielkarten in Ungarn herstellten
Aufzeigen, dass das Haus in dem sich die Unger-Kartenwerkstatt befand der Versammlungsort des ersten Győrer Männergesangsvereins war und dass dort möglicherweise die Proben stattfanden
Genaue Darstellung des Immobilienbesitzes des Győrer Kaufmanns Joseph József Unger
Auswerten der Berichterstattung der Lokalpresse zum goldenen Priesterjubiläum sowie Nachruf auf Carl Károly Unger
Transkription zweier Lateinischer Quellen zur Ergänzung seiner vita (Anfrage beim damaligen Bischof Johann János Simor und dessen Antwort)
Transkription des gesamten Testaments
Deutscher Einfluss in der Darstellung des Vajk-Bildes explizit benannt
Feststellung von starker Ähnlichkeit mit Personen auf Familienbildern im Privatbesitz mit Fotos des ersten Győrer Fotografen Mayerhofer im Besitz des Győrer Diözesanarchivs
Weitere Ergänzungen zu den vitae der Győrer Familienmitglieder
